Ach, so schlimm ist es doch nicht - unangenehme Gefühle „wegwischen" kostet Vertrauen

Kerstin König • 13. Mai 2026

„Ach, so schlimm ist das doch gar nicht.“

Unangenehme Gefühle „wegwischen“ kostet Vertrauen 


Unangenehme Gefühle des Gegenübers wegzuwischen - am besten mit Handschuhen und Desinfektionsmittel, um bloß nicht damit in Berührung zu kommen - bringt selten etwas Gutes hervor. In angespannten Situationen entscheidet oft genau das über Vertrauen: Ob Menschen sich mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen ernst genommen fühlen.

Warum Wegwischen so verführerisch ist 


Wie würde es dir gehen, wenn du jemandem etwas erzählst, das dich wirklich beschäftigt, vielleicht sogar richtig schlimm für dich ist? Dein Gegenüber antwortet mit: „Ach komm, so schlimm ist das doch nun auch nicht." Oder „Das ist ja gar nix, weisst du was meinem Nachbarn passiert ist?“ Oder mit einem Witz, der die Spannung lösen soll und leider die Person verletzt, die gerade mutig genug war, sich zu öffnen.

Gemeint ist das selten böse und genau das macht es so verzwickt. Wer wegwischt, glaubt oft, etwas Gutes zu tun: das Leid kleiner machen, die Stimmung retten, die Situation handhabbar halten oder einfach sich selbst entlasten.


Wenn Führung Gefühle klein macht 


Stell dir vor: Auf deiner Arbeit passiert etwas, das dich wirklich erschüttert. Du gehst zu deinem Chef, weil etwas geklärt werden muss und weil er fragt, wie es dir damit geht. Du atmest einmal tief ein, und sagst, was wahr ist: „Schlecht. Es geht mir wirklich schlecht." Du sagst noch etwas mehr, weil du dich gerade traust und weil es dir wichtig ist, dass er das versteht.

Er antwortet: „So schlimm kann es ja gar nicht sein, die anderen haben ja auch kein Problem damit. Du bist einfach zu empfindlich.“ Und macht einen Witz, der das Ganze leichter machen soll. 


Der Moment in dem Vertrauen kippt 


In diesem Moment passieren mehrere Dinge gleichzeitig. Zum Beispiel so:
Zuerst schießt die Scham hoch, weil du dich gerade geöffnet hast und der andere hat einen Witz daraus gemacht. Direkt dahinter kommen die Selbstzweifel: Übertreibe ich vielleicht? Sind meine Gefühle gerechtfertigt? Bin ich einfach zu empfindlich? Und während du dir das innerlich noch beantwortest, triffst du eine kleine, leise Entscheidung: Dem erzähle ich nichts mehr.

Später, wenn die Scham etwas abklingt, kommt vielleicht Wut. Und dahinter, ein paar Stockwerke tiefer, sitzt eine Frage, die du dich kaum laut zu denken traust: Bin ich hier eigentlich noch am richtigen Platz? Vielleicht sogar begleitet von einer Unsicherheit, durch die du dir plötzlich viel weniger zutraust als vorher. 


Hinter solchen Reaktionen liegen oft verletzte Bedürfnisse: ernst genommen werden, Sicherheit, Vertrauen, Zugehörigkeit. Wenn diese durch eine flapsige Antwort verletzt werden, leidet vor allem eines: die Verbindung. Und die heilt langsamer als jede Sachfrage.


Wo Konflikte beginnen und psychologische Sicherheit verloren geht



In diesen kleinen Momenten entscheidet sich oft, ob ein Team psychologisch sicher ist: Kann ich mich auch dann zeigen, wenn ich gerade nicht stark, klar oder souverän bin, ohne dafür „bezahlen zu müssen“? 

Wenn eine Mitarbeiterin nach einem solchen Witz innerlich beschließt, ihrem Chef nichts mehr zu erzählen, dann fehlt von diesem Moment an in der Zusammenarbeit etwas, das schwer wieder herzustellen ist.


Warum Menschen bagatellisieren 


Zurück zu unserer Anfangsszene: Was hätte denn der Chef gebraucht in dem Moment, als sein Gegenüber so verletzlich vor ihm stand? Vermutlich Leichtigkeit und vor allem Klarheit: Habe ich hier eine Aufgabe, und wenn ja, welche? Macht sie mir gerade einen Vorwurf? Wie reagiert man in so einer Situation überhaupt richtig?

Auf keine dieser Fragen hatte er eine Antwort, und so hat er das gemacht, was viele Menschen machen, wenn ihnen etwas zu nah kommt: Er hat das Gewicht kleiner gemacht. 

Aus Hilflosigkeit, aus Überforderung, aus Unverständnis und dem Wunsch, irgendwie handlungsfähig zu bleiben. Das ist menschlich. Und trotzdem verliert die Beziehung in genau solchen Momenten an Vertrauen.

Genau hier setzt GFK an. Sie lädt uns ein, beide Seiten gleichzeitig zu sehen: Die Mitarbeiterin, die gehört werden will, und den Chef, der mit der Situation überfordert ist.


Was in solchen Momenten hilft


Der Chef hätte in dieser Szene nichts lösen müssen. Er hätte nicht erklären, richten oder in den Griff bekommen müssen, was passiert war. Was gereicht hätte, sind Sätze wie:

  • „Das klingt wirklich schwer. Magst du mir mehr erzählen?"
  • „Ich merke, ich werde gerade unsicher, wie ich darauf reagieren soll. Sag mir, was du brauchst."
  • „Ich höre, dass dich das sehr erschüttert. Lass uns kurz hinsitzen, bevor wir weiterreden."


Das ist eine Haltung: Ich nehme dich ernst, auch wenn ich gerade nicht weiß, was ich tun soll.


Vielleicht beobachtest du dich in der nächsten Woche einmal: 


  • Wann meldet sich in dir der Reflex, etwas Schweres kleiner zu machen? 
  • Bei wem passiert dir das am ehesten? 
  • Und was würde passieren, wenn du das nächste Mal stattdessen einfach dabei bleibst, ohne zu lösen, ohne zu erklären oder in einen Witz auszuweichen?
  • Was würde leichter werden? Was würde klarer? 
  • Was würde sich öffnen, zwischen dir und der anderen Person, in eurer Zusammenarbeit, in dem, was ihr miteinander tragen könntet?


Nicht alles muss sofort leichter werden. Aber vieles wird leichter, wenn Menschen sich ernst genommen fühlen.



Passende Übung für den Arbeitsalltag:

Dableiben statt wegwischen


Diese Übung eignet sich gut für ein Team, das mehr Vertrauen aufbauen möchte oder für zwei Menschen, die merken, dass es ihnen noch schwerfällt, einfach zuzuhören.

Bring die Übung im nächsten Workshop, im nächsten Teammeeting, im nächsten Klausurtag ein. Du brauchst nichts vorzubereiten außer zwei Sätzen Erklärung. Manchmal reicht ein einziger Durchgang, damit etwas in Bewegung kommt.


So geht's:

  1. Zweierpaare bilden — gern auch über Hierarchien oder Abteilungen hinweg, das schärft den Perspektivwechsel.
  2. Erzählen Person A erzählt fünf Minuten lang von etwas, das sie gerade beschäftigt.
  3. Da bleiben Person B hat eine einzige Aufgabe: dabei bleiben. Nicht lösen, nicht trösten, nicht wegmachen. Wenn überhaupt fragen, dann höchstens: „Was noch?" 
  4. Wechseln nach fünf Minuten
  5. Reflektieren 


Der ungewohnte Moment von Verbindung 


  • Beide spüren, wie viel passiert, wenn niemand etwas lösen muss.
  • Man bekommt ein Gefühl dafür, wie schnell der eigene Reflex anspringt, doch wieder zu helfen, einzuordnen, kommentieren oder abzuschwächen.
  • Es entsteht oft ein Moment der Stille, der etwas zeigt, das viele unterschätzen: Verbindung braucht weniger Worte, als man denkt.


Wenn du niemanden zum Üben hast 


Vielleicht denkst du jetzt: Schöne Übung, aber mir fehlt die zweite Person. Dafür hier drei Varianten, die du direkt in deinem Alltag ausprobieren kannst:


Übe es beim nächsten Mal, wenn dir jemand etwas erzählt. 

Egal wer, egal wo — die Kollegin auf dem Flur, dein Kind beim Abendbrot, dein Partner am Sonntagmorgen. Verzichte einmal bewusst auf den Tipp, den Witz und das „Andere haben's auch schwer". Bleib einfach da und frag, wenn überhaupt: „Was noch?“


Lade jemanden zum Erzählen ein. 

Geh auf jemanden zu, von dem du das Gefühl hast, da liegt was, und frag ehrlich: „Wie geht's dir gerade wirklich?" Ohne anzukündigen, was du damit vorhast. Und dann halt aus, was kommt.


Bitte jemanden, dir fünf Minuten zuzuhören 

Menschen können nicht Gedanken lesen, lasse sie also wissen, was du brauchst. „Ich habe was auf dem Herzen, das würde ich dir gerne erzählen. Ich brauche nichts von dir, keinen Ratschlag, keine Lösung o. ä.. Wärst du bereit mir einfach nur 5 Minuten zuzuhören?“